«Oft fehlt die Substanz»

Immer mehr Unternehmen behandeln Sustainability in einem integralen Managementansatz. Darum, ist Stephan Lienin überzeugt, wird bis 2020 bei grösseren Unternehmen das Reporting von nichtfinanziellen Kennzahlen automatisch dazugehören. Allerdings nicht unbedingt in Form eigenständiger Nachhaltigkeitsberichte.

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Stephan Lienin, wen interessieren Nachhaltigkeitsberichte?

Sicher mehr Leute als jene, die Finanzberichte lesen. Es gibt weniger Menschen, die sich für die Details von Bilanz und Erfolgsrechnung interessieren, als solche, die zu Umweltthemen, Korruption oder Chancengleichheit eine dezidierte Meinung haben. Da ist die emotionale Ausstrahlung ungleich stärker.

Das Nachhaltigkeitsbewusstsein hat sich vom «Nice to have» zum essenziellen Element für den Unternehmenserfolg entwickelt. Konnte die Berichterstattung darüber mit dieser stürmischen Entwicklung Schritt halten?

Letztes Jahr haben in der Schweiz rund hundert Unternehmen eine eigentliche Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht. Das macht deutlich, dass viele weitere Unternehmen diese Chance noch nicht ergriffen haben. Nachhaltigkeit ist als Begriff zwar längst Mainstream, doch die konkrete Umsetzung weist Mängel auf, denn es fehlt oft die Substanz.

«Nachhaltigkeit ist als Begriff zwar längst Mainstream, an der konkreten Umsetzung mangelt es jedoch häufig.»

Wenn Nachhaltigkeitsfragen emotional aufgeladen sind – sollte dann eine gute Berichterstattung darüber nicht zwingend Feedback-Möglichkeiten bieten?

Eine richtige und wichtige Schlussfolgerung. Da Unternehmen heute stets im gesellschaftlichen Kontext wahrgenommen werden, ist es wichtig, mit der Sichtweise aller Stakeholder vertraut zu sein und entsprechend darauf einzugehen. Das kann in Form von klassischen Mitarbeiter- und Kundenumfragen oder der Einberufung eines Stakeholder Panels erfolgen. Social Media – wenn richtig eingesetzt – können besonders geeignet sein, ein Stimmungsbild abzuholen.

«Social Media können durchaus ein Stimmungsbild geben.»

Welche Risiken geht ein Unternehmen bei der Veröffentlichung von ökologisch, wirtschaftlich und sozial relevanten Daten ein – und wie sind diese in den Griff zu bekommen?

Transparenz schafft grundsätzlich sowohl Chancen als auch Risiken. Letztere besonders dann, wenn falsche Erwartungen geweckt werden, die das Unternehmen nicht einlösen kann. Oder wenn die Daten nicht die notwendige Erhebungsqualität erreichen. So entstehen empfindliche Glaubwürdigkeitsverluste. Letztlich ist es wie bei den Finanzdaten: Sie müssen sorgfältig ermittelt und intern gut geprüft werden. Nach der Devise «Weniger ist mehr» lässt sich das Sustainability Reporting auch schrittweise ausbauen. Vor allem muss man die eigenen Daten verstehen, sich Ziele setzen und nach kontinuierlicher Verbesserung streben.

Stichwort «Integrated Reporting»: Steht die Unternehmensberichterstattung vor einem grundlegenden Wandel?

Der Trend ist zweifellos da, wobei der Umschwung nicht über Nacht stattfindet. Er macht aber absolut Sinn, denn Nachhaltigkeit ist nicht als ausgegliedertes Projekt, sondern als integraler Management-Ansatz zu verstehen. Ein integrierter Geschäftsbericht ist heute schon ein gefragtes Produkt. Und im Zeithorizont bis zum Jahr 2020 rechne ich damit, dass das Reporting von nichtfinanziellen Kennzahlen bei grösseren Unternehmen automatisch dazugehören wird. Dieses ist auch für vorausschauende Analysten von steigendem Interesse, da es deutliche Hinweise zur künftigen Entwicklung eines Unternehmens liefert.

«Ein integrierter Geschäftsbericht ist bereits heute ein gefragtes Produkt.»

Beim Nachhaltigkeits-Reporting stützen sich Unternehmen weltweit auf die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI), die ihrerseits kontinuierlich weiterentwickelt werden. Welche Trends zeichnen sich dabei ab?

In der G4-Version der GRI-Richtlinien, die Mitte 2013 in Kraft tritt, wird der Wesentlichkeitsanalyse eine grössere Bedeutung zugemessen. Durch eine umfassende Analyse sollen Unternehmen diejenigen Themen festlegen, die für sie sowohl aus interner wie auch als externer Sicht relevant sind. Ebenso zeichnet sich ab, dass der Gesamt-Fussabdruck eines Unternehmens immer wichtiger wird. Dies umfasst beispielsweise Fragen der Verantwortung in der Supply Chain oder der Produktenutzung durch die Kunden.

Wie können Unternehmen maximalen Nutzen aus ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung ziehen?

Sie muss Teil der strategischen Positionierung des Unternehmens sein. Die wesentlichen Fragen sind verbindlich zuzuordnen. Nur so wird Glaubwürdigkeit erzielt. Ein hochwertiges, ganzheitliches Reporting erschliesst neue Zielgruppen. Dabei gilt es, sich nicht nur auf einen gedruckten Bericht zu stützen, sondern alle verfügbaren Kanäle zu nutzen.

Zur Person:
Dr. Stephan Lienin (43) ist Experte für Nachhaltigkeitskommunikation und Mitbegründer der Managementberatung Sustainserv GmbH mit Sitz in Zürich und Boston. Das Unternehmen unterstützt Organisationen jeder Grösse und Branche dabei, Nachhaltigkeit in ihre Strategien, Geschäftsprozesse und Kommunikation zu integrieren.