«Reduktion ist ästhetisch nachhaltiger als Firlefanz»

«Wer im Mediendesign Qualität erreichen will, muss reduzieren»: Dies sagt Wendelin Hess, der mit seinen Neugestaltungen von «Weltwoche», «Magazin» und «Du» über die Schweiz hinaus für Aufsehen gesorgt hat. Im Interview spricht er über Inspiration, Identität und Intention im Magazin- und Mediendesign.

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Herr Hess, Sie haben mit ihrer stark reduzierte Magazingestaltung in den Nullerjahren einen Trend gesetzt. Welche Überlegungen führten zu dieser beinahe schmucklosen Form des Magazindesigns?

Wer Qualität erreichen will im Magazindesign, muss reduzieren und ruhiges Lesen ermöglichen. Wir wollten weg von den verdichteten, kleinteiligen Leseanreizen und haben zuerst mal aus- und aufgeräumt. Wir haben die Anzeigen und den redaktionellen Raum klar getrennt. Zudem haben wir auf bestimmte Magazinelemente wie Text im Bild verzichtet. Zusammen mit der bewusst ausgewählten Typografie hat dies bewirkt, dass das Design schliesslich so klar wurde. Auch auf die Fotografie haben wir ein besonderes Augenmerk gelegt. Wir wollten keine üppigen Inszenierungen, die Bilder sollten ruhige Farbmomente zwischen dem Text bilden und die porträtierten Menschen das nötige Gewicht erhalten. Dies alles zusammen hat dann wohl den Erfolg ausgemacht und den Titeln international verschiedene goldene Auszeichnungen eingebracht.

Haben Sie sich bei der Neuentwicklung dieser Magazine auch von anderen Medien inspirieren lassen?

Inspiriert wird man immer. Als Beispiel kann ich etwa die «New York Review of Books» nennen. Bei der Entwicklung neuer Produkte fliesst immer die ganze Summe dessen ein, was einem gefällt. Problematisch wird es, wenn ein grosser Designer wie Joop van Bennekom etwas entwickelt und kurz darauf simple Klons dieses Produktes auftauchen. Was mir gefällt, darf mich motivieren, besser zu sein. Hier muss man die Mediendesignszene in der Schweiz auch kritisieren. Zu oft wurden und werden einfach erfolgreiche Layouts aus dem Ausland kopiert. Die eigene Tradition geht darüber vergessen, Eigenständigkeit verschwindet. Sogar ein Traditionstitel wie die «NZZ» hat sich mit ihrem Redesign in verschiedener Hinsicht zu sehr den aktuellen Strömungen angepasst und so ihre zeitlose Schönheit geopfert.

«Grafische Elemente sollten nie nur Dekoration sein, sondern der Identitätsbildung dienen.»

Welchen Stellenwert nehmen die Schrift und das Bild im Kontext zu den Inhalten ein?

Wenn man Journalismus betreibt, will man Inhalte vermitteln. Alle gestalterischen Entscheide, die das erleichtern, sind gute Entscheide; alle, die es erschweren, sind schlechte. Konkret heisst das, dass man die Schrift so wählen muss, dass sie optimal lesbar ist. Und dass typografische Regeln, die gute Lesbarkeit erlauben, nicht missachtet werden. Dann muss man die richtigen Bilder auswählen, die zum Text passen. Und wenn es mal kein Bild braucht, dann erscheint eben eine Doppelseite ohne. Manchmal habe ich als Leser sogar das Gefühl, dass Zwischentitel überflüssig sind. Aber alles ausräumen generiert nicht nur Schönheit. Es braucht auch Elemente, um eine Seite zu beleben.

Heute dominiert in vielen Magazinen ein wilder Mix von barocken Elementen, Linien und grossen Initialen. Die Bilder werden häufig clusterförmig zusammengezogen. Es scheint eine Referenz an unterschiedlichste Jahrzehnte der Gestaltung zu sein. Was halten Sie davon?

Vielfach sind dies die Folgen einer unglücklichen Konstellation. Oft macht ein Grafiker ein Redesign und legt es einmalig auf den Tisch. Der Art Director und die Layouter des Magazins müssen es dann umsetzen. Das halte ich für einen Fehler. Denn so schleichen sich verschiedenste Vorlieben und Elemente ein, die dem Ganzen nicht förderlich sind. Besser ist es, wenn ein Gestalter eine gewisse Zeit beim Medium bleibt und seine Ideen dann auch in der täglichen Arbeit umsetzt, präzisiert und belebt. Grundsätzlich gibt es im Gestaltungsbereich aber nichts Verbotenes. Man darf durchaus verspielte Stilmittel einsetzen. Grafische Elemente sollten aber nie nur Dekoration sein, sondern der Identitätsbildung dienen. Dann ist alles erlaubt, auch dicke Linien oder farbige Balken. Reduktion halte ich aber für ästhetisch nachhaltiger als Firlefanz.

«Schön gestaltete Bücher und Magazine werden auch in Zukunft im Print bestehen bleiben.»

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wohin wird sich das Magazindesign künftig entwickeln?

Der Zeitschriftenkonsum wird im Zeitalter der Tablet-Geräte wie des iPad neu definiert werden. Digitale Medien und ihre Formen – wenn sie gut gemacht sind – haben Einfluss auf den Umgang mit Print. Ich bin überzeugt, dass hier spannende neue Dinge entstehen. Über Erfolg und Misserfolg wird in Zukunft wieder die Qualität des Inhalts entscheiden. Und damit dieser bewertbar sein kann, muss er zugänglich und konsumierbar sein. Ich glaube, dass die Form generell grossen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Inhalts hat. Je nachdem, ob ein Artikel im Layout des «Blicks», der «NZZ» oder der «Schweizer Illustrierten» erscheint, wird er unterschiedlich bewertet werden, auch wenn der Wortlaut identisch ist. Mit Reduktion Klarheit zu schaffen bedeutet, dass der Leser sich auf den Inhalt konzentrieren kann. So signalisiert man, dass man etwas zu sagen hat. Dann braucht es auf einer Frontseite nicht auch noch eine Skybox mit vier Anrissen über oder unter dem Zeitungskopf. Adaptiert für die Digitalwelt heisst das: weniger Buttons und Links. Anregend sein, ohne nervös zu wirken. Auch auf dem knappen Platz eines iPad-Bildschirms.

Welche Gestaltungsgrundsätze können bei Digitalprodukten vom Print übernommen werden, und wo muss ganz neu gedacht und konzipiert werden?

Im Moment orientieren sich die Digitalmagazine meist noch an den inhaltlichen Strukturen, die wir vom Print her kennen. Auch das Layout und die Leserführung sind ähnlich: Titel, Lead, Textspalten und Bilder. Zudem klickt oder wischt man sich von einem Kapitel zum nächsten, so, wie man eine Zeitung umblättert. Bei der Gestaltung von digitalen Produkten spielen sicher das Nutzerverhalten und die Möglichkeit von Querverweisen eine wichtige Rolle. Allerdings ist exzessives Verlinken selten sinnvoll. Wichtiger scheint mir, dass auch bei digitalen Produkten klar ist, welcher Beitrag von welchem Absender kommt, und dass redaktionelle Teile von kommerziellen Inhalten klar getrennt werden.

«Mit Reduktion Klarheit zu schaffen bedeutet, dass der Leser sich auf den Inhalt konzentrieren kann. So signalisiert man, dass man etwas zu sagen hat.»

Sind die klassische Bibliothek und der Zeitschriftenständer dem Tod geweiht? Werden wir bald nur noch neue Medienformen wie E-Books, iPad-Magazine und Apps nutzen?

Schön gestaltete Bücher und Magazine werden auch in Zukunft bestehen bleiben und ihren Platz im Büchergestell behalten. Wahrscheinlich werden wissenschaftliche Werke künftig nur noch elektronisch erscheinen – und nach einer Zeit auch wieder von den digitalen Geräten gelöscht sein. Aber auch herkömmliche Taschenbücher werden selten für die Ewigkeit aufbewahrt.

Wenn man mal vom Gefühl und vom Geruch beim ersten Öffnen eines Buches absieht, dann erkennt man, dass auch in E-Books gestalterisch sehr schöne Dinge realisiert werden können. Gute Typografie wird heute digital nicht mehr schlechter, dafür kommen neue Eindrücke hinzu: Es leuchtet, es bewegt sich, es tönt. E-Books können mit Musik und Videos umgehen und mit Updates aktualisiert werden. Entscheidend ist im digitalen Zeitalter, dass die Leser nicht immer noch stärker bedrängt werden durch den nicht abreissenden Informationsstrom und den ganzen Social-Media-Wahnsinn. Der Nutzer und die Nutzerin sollen selber entscheiden können, was sie wollen, wann und wie viel davon.

Zur Person:
Wendelin Hess hat mit seinem Geschäftspartner Beat Müller das «Magazin», die «Weltwoche» und die Kulturzeitschrift «Du» neu gestaltet und als Art Director betreut. 2007 gründete er mit Beat Müller und Markus Schneider den Verlag Echtzeit in Basel.
wendelin.hess@muellerhess.ch, www.echtzeit.ch, iPad-App: Echtzeit