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Interview für Swissmem: Kommt jetzt endlich das Elektroauto?

Liegt im Elektromotor die Lösung all unserer Probleme? Und fährt uns China davon? Mobilitätsexperte Gil Georges im Gespräch über die Strasse der Zukunft.

Dr. Gil Georges forscht am Institut für Energietechnik an der ETH Zürich. Er untersucht unter anderem, wie man eine grosse Flotte Elektrofahrzeuge mit Energie versorgen kann.

Foto: Gian Marco Castelberg

Welches Auto fahren Sie?

Keins. Ich wohne in der Stadt.

Kein Elektroauto?

Nein, wenn ich fahre, sind es eher weite Strecken – das wäre mir zu umständlich.

Viele meinen, dass Benziner aussterben. Aber die Leute kaufen die Elektroautos nicht.

Was war zuerst da: das Huhn oder das Ei? Kaufen die Leute das E-Auto, wenn es eine bessere Infrastruktur gibt? Oder wird diese ausgebaut, wenn die Leute E-Autos kaufen? Aber es geht nicht nur um die künftige Attraktivität der E-Autos. Es geht um Klimapolitik und unsere CO2-Ziele, die wir erreichen müssen. Daher brauchen wir Elektromobilität, und dazu zähle ich E-Autos, Plug-in-Hybride, Brennstoffzellenautos und synthetische Kraftstoffe. Allerdings: Sie zahlen heute mehr für ein Elektroauto, obwohl es weniger ausstösst. Da werden falsche Signale gesetzt.

Also ist die Politik weiter gefragt?

Wenn man sich entscheidet, auf E-Mobilität umzustellen, muss das zumindest koordiniert passieren. Es ist komplex: Jedes Auto muss durch ein anderes ersetzt werden – freiwillig. Damit wir unsere CO2-Ziele erreichen, muss der Strom für die E-Mobilität erneuerbar sein. Man braucht Kraftwerke und Leitungen. Die Zulassungszeit für eine Hochspannungs-Übertragungsleitung beträgt aber derzeit rund 20 Jahre! Im Moment sehe ich die Gangart: «Verkauft das E-Auto – wenn es da ist, stellt sich der Rest schon ein.» Aber man darf nicht nur beim Mobilitätssektor anpacken, sondern auch bei der Elektrizität. Sonst riskiert man, dass der Strom aus Kohlekraftwerken kommt, weil keine andere Lösung parat ist.

«Man riskiert, dass der Strom aus Kohlekraftwerken kommt...»

Wann geht der Schweiz der Strom aus?

Gar nicht. Der Strommarkt ist dynamisch. Klar, wenn wir über Nacht alle Autos ersetzen und sie zur gleichen Zeit an die Steckdose hängen, kommt es zum Blackout. Aber das passiert ja nicht. Der Strommarkt hat Zeit zu reagieren. Spitzen werden heute schon abgefangen, das kann man in Zukunft verstärken.

Wir könnten die Umstellung also schaffen?

Meine Kernbotschaften: Wenn wir wollen, können wir unsere CO2-Ziele erreichen. Wir müssen es nur anpacken. Und: Die komplette, sofortige Umstellung auf E-Mobilität ist nicht nötig und auch nicht realistisch.

Man könnte manchmal meinen, das E-Mobil sei die Lösung aller Probleme …

Es herrscht eine Elektro-Euphorie. Die aktuelle Diskussion hat ihren Ursprung im Dieselgate. Man traut dem ganzen System nicht mehr. Einige Länder wollen den Verbrenner nun ganz abschaffen. Aber vielleicht ist das nicht das, worum es gehen sollte.

Sondern?

Die Frage ist doch: Welche Optionen hat man? Technologien müssen sich doch nicht ausschliessen. Es ist unrealistisch, dass man mit nur einer Technologie alle Probleme lösen kann. E-Autos könnten den städtischen Raum abdecken. Mit Wasserstoffautos erlangt man mehr Reichweite. Benziner kann man optimieren. Und so weiter. Warum nutzen wir nicht alle unsere Werkzeuge? Wie das aussehen kann, untersuchen wir im «SCCER mobility».

«Warum muss ein Auto 1000 km Reichweite haben? Wie oft brauche ich das denn?»

Der Benziner wird also nicht vollständig verdrängt?

Personen, die täglich viele Kilometer fahren, müssen erst mal weiter auf Benziner zurückgreifen. Mobilität besteht auch nicht nur aus PKWs, sondern auch aus LKWs, Baumaschinen, Traktoren, Schiffen und Flugzeugen. Die sind nicht so einfach zu elektrifizieren.

Wie sieht die Strasse morgen aus?

Wir werden langfristig (nicht kurzfristig) einen gigantischen Zuwachs an E-Mobilität sehen – aber nur dort, wo sie Sinn macht. Im besten Fall haben wir genügend erneuerbare Energie. Zudem lösen wir die Transportprobleme in einer Kombination aus ÖV und Individualverkehr. Und autonomes Fahren wird sehr bald kommen.

Ist der Mensch für all das bereit?

Das ist die grosse Frage. Wir erwarten von einer Technologie, dass sie sich so nutzen lässt wie bisher. Doch vielleicht macht es stattdessen Sinn, unser Verhalten zu ändern? Warum muss ein Auto 1000 km Reichweite haben? Wie oft brauche ich das denn? Wir hatten auch lange das Problem, dass Elektroautos aussahen wie Eier auf Rädern. Man wunderte sich, wenn das jemand kaufte. Das E-Mobil sollte mit der Keule verkauft werden: «Wenn du das nicht nimmst, bringst du deine Enkel um.» Darüber sind wir zum Glück hinweg. Autokäufe sind nicht immer nur vernünftig, es spielen viele andere Faktoren eine Rolle.
Jetzt findet ein Umdenken statt: Man merkt, dass ein E-Mobil Spass machen kann, es wird zum Statussymbol. Und wir sprechen neu sogar über das Abgeben des Autos, nicht nur über seine Antriebsart: Das ist der Sharinggedanke. Die autonomen Mobile würden das auf die Spitze treiben: Das Gefährt holt mich ab, ich nutze es nur kurz. Das «SCCER mobility» untersucht die Akzeptanz solcher Modelle, und man sieht, dass es klappen kann – vor allem im städtischen Raum.

«Wir hatten lange das Problem, dass Elektroautos aussahen wie Eier auf Rädern. Man wunderte sich, wenn das jemand kaufte.»

China ist in der Elektromobilität schon weiter als wir …

Die Chinesen fragten sich: «Wie läuft man Europa 100 Jahre Erfahrung in der Verbrennungsmotorentwicklung ab?» Die Antwort war: «Gar nicht!» Sie setzen voll auf den neuen Weg. Ihr Vorteil: Sie können Entscheide umsetzen, ohne zu fragen. Clever ist, dass die Politik Rahmenbedingungen setzt, aber Lösungen in Konkurrenz erarbeiten lässt. Es wird pilotiert und gelernt. So bauen die Chinesen extrem schnell Know-how auf.

Wie kann die Schweiz da mithalten?

Wir können nicht zehnmal mehr oder günstigere Batterien als China bauen. Aber wir können – hoffentlich – die beste Batterie der Welt entwickeln. Das ist unsere Chance.

«Wir können die beste Batterie der Welt bauen.»

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des «Swissmem Network» zum Thema «Elektromobilität». Darin wagten wir einen Blick unter die Motorhauben der Zukunft. Das Magazin von Swissmem beleuchtet jeweils aktuelle Themen der MEM-Industrie und erscheint 4x im Jahr auf Deutsch und Französisch. Jetzt durchblättern!

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